Quelle: www.ftd.de, Sa, 6.11.2004, 13:00  


Versichern & Versorgen: Katastrophendeckung soll wieder lukrativer werden
Von Nadine Bös und Bülent Erdogan

Elbeflut 2002, Dürresommer 2003, Ruhrtornado 2004: Naturereignisse richten in Deutschland immer größere Schäden an. Die Versicherer sorgen mit Ausschlüssen und ausgefeilten Szenarien für mehr Gewinn aus Naturgefahrenpolicen.

 

Nach Berechnungen der Münchener Rück gingen in den vergangenen zehn Jahren 6,5 Mrd. Euro an versicherten Schäden auf Naturkatastrophen zurück. In den siebziger Jahren waren es - gemessen in Preisen von 2003 - nur 1,6 Mrd. Euro. Was auf den ersten Blick wie eine Bestätigung von Horrorszenarien über Klimaveränderungen aussieht, ist in großen Teilen auch Leichtsinn von Bauherren und Raumplanern: Das Einfamilienhaus direkt am Bachlauf. Die Lagerhalle auf den Elbwiesen. Die romantische Kneipe am Rheinufer in Köln. Orte, die zwar schick oder preiswert sind, aber auch anfällig für Hochwasser.

Häuslebauer lassen sich an immer riskanteren Stellen nieder. Auch die Vermögenswerte, die Naturkatastrophen zum Opfer fallen, werden höher. Bei Großschäden wird dann schnell der Ruf nach dem Staat laut, wie nach dem Elbe-Hochwasser 2002. Berlin zahlte Millionen, möchte diese Lasten jedoch gerne los werden. Aber der Versuch der Bundesregierung, eine Zwangsversicherung für alle Gebäude einzuführen, scheiterte. Bleibt die individuelle Versicherung der Gebäudebesitzer bei privaten Unternehmen. Aber dort läuten angesichts der Schäden ebenfalls die Alarmglocken. Das Geschäft mit dem Risiko war jahrelang lukrativ - jetzt arbeitet die Branche daran, dass dies auch so bleibt.

Gefahren besser abschätzen

Schon länger bieten die Unternehmen ein Erweiterungspaket für Hausrat- und Gebäudeversicherungen an. Versichert sind Überschwemmung, Erdbeben, Erdrutsche, Sturm und Lawinen. Doch die Assekuranz hat ein Verkaufsproblem: Wer auf einer Bergkuppe wohnt, muss gleich das ganze Paket bezahlen. Sonst funktioniert der Risikoausgleich nicht. Folglich hat nur jeder zehnte Kunde eine erweiterte Police.

Mit immer ausgefeilteren Systemen versuchen die Anbieter, die Gefahr von Naturkatastrophen so präzise wie möglich für jedes versicherte Risiko abzuschätzen. "Die Versicherungswirtschaft ist vorsichtiger damit geworden, diese Ereignisse so bereitwillig zu versichern wie in der Vergangenheit", sagt Gerhard Berz, Leiter der Geo-Risikoforschung bei der Münchener Rück. "Selbstbeteiligungen und höhere Beiträge werden mittelfristig nötig sein."

Wenig Erfahrung mit Erdbeben

Beispiel Hochwasser: Ein Instrument zur Risikoeinschätzung ist das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS), das der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft 2001 an die Versicherer ausgeliefert hat. Es ermittelt Gefahrenzonen für Überschwemmungsflächen für rund 55.000 Flusskilometer. Bereits heute sind drei Prozent aller Gebäude nicht versicherbar. Um noch genauer kalkulieren zu können, wurde das Drei-Zonen-System in diesem Jahr um eine vierte Zone ergänzt. Dadurch rutschten manche Gebiete, die bisher relativ preiswert versicherbar waren, in die nächst höhere und teurere Gefahrenklasse. Zudem rechnen die Versicherer inzwischen ein, dass Deichanlagen brechen könnten oder überflutet werden. Eine Lehre, die sie aus der Elbeflut zogen.

Wenig Erfahrung hatte Deutschland bisher mit Erdbeben. Doch auch hier bereitet sich die Assekuranz auf mögliche Schäden vor. Viel aktueller ist die Sturmgefahr. "Hier ist die Versicherungswirtschaft inzwischen ein gebranntes Kind", sagt Berz. So vernichtete der Wintersturm "Lothar", der 1999 über Süddeutschland fegte, versicherte Werte in Höhe von 665 Mio. Euro. Die Unternehmen haben deshalb Sturmzonen kartographiert. "Wir sammeln jede Menge Material und lassen unseren Erfahrungsschatz in die Kalkulation einfließen", sagt ein Allianz-Sprecher.